gesungen von Aretha Franklin (1967)
Die meisten Frauen erleben den Besuch im Wäschegeschäft aus der Kundinnenperspektive und sind daher über eine Reihe schlechter Erfahrungen verbunden, aus denen eine besonders heraussticht: der Vorwurf 'komisch' zu sein. Wenn ein BH nicht paßt oder evtl. überhaupt nichts gefunden werden kann, was einigermaßen die richtige Größe hat, wird die Schuld häufig, wenn nicht sogar meistens, dem jeweils individuellen Körper gegeben nicht etwa dem Angebot.
Je weiter man vom imaginierten 'Normalkörper' entfernt ist, desto dreister werden oft die Erklärungen, warum man nichts passendes im Angebot hat. Das reicht dann von "Eigentlich brauchen Sie doch gar keinen BH" über "Haben Sie's schon mal in der Kinderabteilung (sic!) versucht?" und "Das geht eben nicht besser bei Ihren Brüsten." bis hin zu "Ich würde Ihnen zu einer Brust-OP raten." oder "Sie sind einfach zu dick/zu dünn/haben zu große oder kleine Brüste für Ihren Körper."
Das heißt, anstatt dem schlechten Körperbild vieler Kundinnen entgegen zu wirken, gießen Verkäuferinnen auch noch Öl ins Feuer. Das ist nicht nur moralisch bedenklich sondern auch unter Berücksichtigung von geschäftlichen Interessen ganz schön bescheuert. Mal ehrlich, wer kauft denn was in einem Laden, in dem man beleidigt wird?! Von der schlechten Publicity, die die ganze Sache noch zusätzlich nach sich zieht, mal ganz abgesehen!
Also, oberste Regel für eine Verkäuferin sollte sein, keinerlei Kommentare zum Körper ihrer Kundin abzugeben, sofern sie nicht die Passform eines BHs betreffen. Also keine Röllchenphobie schüren, keine Presswurstkommentare, auch nicht, wenn eine Frau sich in zu kleine Höschen quetscht, weil ihr Selbstbild an der Konfektionsgröße hängt - das ist alles Geschmacksache und geht einen als Bra Fitterin einfach nichts an.
Natürlich gibt es unter dem Gesichtspunkt Verletzlichkeit bzgl. Körpernormen eine recht klare Hierarchie beim Wäschekauf. Eine Verkäuferin ist in ihrer 'Homezone', einem Raum in dem sie sich auskennt, sie hat die Kontrolle über den Warenbestand, den Status einer Fachkraft und vor allem: sie bleibt angezogen. Allerdings kann sie umgekehrt auch mit allerhand unfreundlichen Kommentaren bedacht werden. Einer meiner Lieblinge ist "Haben Sie auch normale Größen?"
Also, wie bitte?! Normale Größen?!
Die ganze Sache mit den normalen Größen und den Über- oder Untergrößen, das geht so einfach gar nicht. Ich meine, was sind denn das für Kategorien? Für Normal-, Über- und Untermenschen?
Genauso ist es u.U. verletzend, wenn angenommen wird, Kompetenz hinge am eigenen Erfahrungshintergrund. Klar, macht es das vielleicht einfacher, aber eine Bra Fitterin kann sich doch nie hundertpro in andere Frauen reinversetzen, auch nicht, wenn man ungefähr die selbe Figur hat. Manche Frauen mögen Unterbrustbänder enger, manche weiter, einige sind empfindlich, andere wiederum nicht...
Es gehört dazu, daß man sich auf die Vielfalt einläßt - sonst kann man nicht gut beraten.
Auch hier: traurig, daß man das überhaupt sagen muß, aber offensichtlich ist das nicht so selbstverständlich. Frauen haben gerade untereinander eine Tendenz sich anzuzicken. Möglicherweise ist das eine Kompensation für die Ahnung, daß man gleichermaßen einer marginalisierten Gruppe angehört und darum darauf bedacht ist, möglichst weit oben in der Hackordnung zu landen. Wie dem auch sei, es kann nicht Ziel der Sache sein, eine Verkaufssituation in einen Machtkampf ausarten zu lassen. Weder ist die Verkäuferin ein Dienstmädchen, daß man nach Lust und Laune rumkommandieren kann (wir leben nicht mehr im Feudalismus and: This is not Downton Abbey!), noch ist eine Kundin ein unmündiges Sparschwein, das reglementiert und geplündert werden will.
Niemand möchte gerne für blöd verkauft werden, ist doch ganz klar. Das heißt nicht, daß man ungefiltert sagen sollte, was man gerade denkt. (Siehe oben) Aber allgemein gesagt ist Lügen einfach nicht so cool. (Ja, ich weiß, das ist jetzt Kindergartenmoral) Es bringt nämlich niemanden wirklich weiter.
Eine von den großen Problematiken beim Besuch von kleinen Geschäften und beim beratungsintensiven Wäschebusiness sowieso ist sich gegen das Primat des (Ver)Kaufs abzugrenzen. Ich bin sicher nicht die einzige, die einen großen Bogen um Boutiquen macht, weil ich nach einer Beratung immer das Gefühl habe, den Laden nicht verlassen kann ohne etwas gekauft zu haben. Umgekehrt ist es auch so, daß ein kleines Geschäft viel weniger Umsatz macht als eine Textilkette, in der man einfach in Ruhe gelassen wird (ob man möchte oder nicht ;-)), also auch auf jeden einzelnen Verkauf angewiesen ist.
Was das mit Offenheit zu tun hat? Zum einen, muß man sich als Verkäuferin klar werden, daß es wenig Sinn macht, jemanden zum Kaufen zu drängen. Klar kann man damit auf die Schnelle Geld machen, aber längerfristig schießt man sich damit ins eigene Bein, denn eine zufriedene Kundin bekommt man so nicht. Daran hängt auch die ganze Sache mit der Einschätzung der Passform: Wenn ein BH nicht gut sitzt, kann man das auch sagen. Die Entscheidung, ob sie damit leben kann, liegt schlußendlich bei der Kundin. D.h. statt ein Lügenmärchen von der super Passform oder der nicht besser machbaren zu spinnen, kann man auch einfach sagen: "Mit den Modellen die ich zur Verfügung habe, bekomme ich kein besseres Ergebnis hin."
Das bricht dann immerhin mit der Mär, daß es nichts besseres geben kann, als das eigene und beschränkte Sortiment hergibt. Niemand, auch nicht die best-informierteste Bra Fitterin, kann das ganze Angebot kennen. Man kann immer nur so gut sein, wie das Arbeitsmaterial das man zur Verfügung hat.
Umgekehrt ist es allerdings auch so, daß es für die Verkäuferin schöner ist, wenn sie mit einer netten Formulierung darüber unterrichtet wird, daß man Zeit braucht seine Vorstellungen zu reevaluieren oder noch andere Optionen ausprobieren möchte, als mit einem Drama-Queen-Abgang konfrontiert zu werden.
Respekt hat auch immer etwas damit zu tun, daß man sich in die Position der anderen Person reinversetzt und sie bis zu einem gewissen Grad toleriert/anerkennt - und sei es erst mal nur auf einem professionellen Level.
Ein durchdachtes, nett formuliertes Feedback, das auch die eigenen Wünsche mitreflektiert, ist für beide Seiten die beste Art mit Mißerfolgen umzugehen. Längerfristig geht es ja auch darum, den Service und das Angebot in Fachgeschäften zu verbessern, so daß man als Kundin dort auch gerne hingehen kann.
Soweit mein Wort zum Sonntag bzw. zur Ethik des BH-Kaufs. Ist auch schon wieder länger geworden als geplant, aber naja, mich kurz zu fassen ist einfach nicht meine geheimes Superkraft.
PS: Wie von Neeva angemerkt (Danke!) gehört zum Thema Respekt auch, nicht ungefragt angefaßt zu werden. Vgl. auch MiaRose's Beitrag, wie sie sich ein perfektes Bra Fitting vorstellt.
Andere verwandte Themen sind die Entscheidungshilfen für den Online-Kauf sein: BH-Suche 101, zweiter Teil: Richtig anprobieren... und dritter Teil: Behalten oder nicht behalten?
und natürlich der vorhergehende Beitrag Kleiner Leitfaden für den Besuch im BH-Fachgeschäft




